Was der „Forgotten Joint Score“ über Ihren Behandlungserfolg aussagt
Prof. DDr. Martin Faschingbauer ·
Der Forgotten Joint (englisch für „das vergessene Gelenk“) gilt in der Endoprothetik als eines der aussagekräftigsten Zeichen für einen gelungenen Behandlungserfolg. Damit ist gemeint, dass ein künstliches Gelenk nach der Heilung so natürlich funktioniert, dass Sie im Alltag überhaupt nicht mehr daran denken müssen. Sie haben das Implantat im besten Sinne „vergessen“. In der Endoprothetik messen wir den Behandlungserfolg heute nämlich nicht mehr nur an Röntgenbildern, sondern daran, wie natürlich sich ein künstliches Gelenk im Alltag anfühlt.
Doch was genau steckt hinter diesem Konzept, wie wird der Forgotten Joint Score erhoben und was könnten Gründe sein, für störende Empfindungen (Schraubstock- oder Taubheitsgefühl) im neuen Gelenk?
Erfahren Sie in diesem Beitrag, was der sogenannte Forgotten Joint Score über Ihr neues Lebensgefühl verrät und warum er mittlerweile der Goldstandard der Patientenbeurteilung ist.
Was bedeutet „Forgotten Joint“ und was ist der „Forgotten Joint Score“?
Ein Forgotten Joint beschreibt den Idealzustand nach dem Einsatz einer Endoprothese: Das künstliche Gelenk ist im Alltag so gut integriert und schmerzfrei, dass der Patient gar nicht mehr daran denkt.
Um diesen Zustand objektiv messbar zu machen, wurde der Forgotten Joint Score (FJS-12) entwickelt. Dabei handelt es sich um einen wissenschaftlich validierten Fragebogen, der aus 12 spezifischen Fragen besteht. Diese umfassen und analysieren alltägliche Situationen: etwa Liegen im Bett, Sitzen, Gehen auf unebenem Untergrund oder Treppensteigen.
→ Für jede Frage wird auf einer 5-stufigen Skala angegeben, wie oft das Gelenk dabei überhaupt bewusst wahrgenommen wird, von „nie" bis „meistens".
→ Aus der Summe der Antworten wird anschließend ein Wert zwischen 0 und 100 errechnet.
→ Je höher der Punktwert, desto seltener nimmt der Patient das Kunstgelenk wahr. 100 Punkte bedeuten ein vollkommen unbewusstes, natürliches Gelenkgefühl – das ultimative Ziel eines Forgotten Joint.
Entwickelt wurde der Forgotten Joint Score, weil klassische Bewertungsbögen zwar Funktion und Schmerz erfassen, aber wenig darüber aussagen, wie selbstverständlich und unbeschwert sich ein Gelenk im gelebten Alltag anfühlt. Genau diese Alltagstauglichkeit rückt der Score in den Mittelpunkt.
Das „vergessene Gelenk" an Hüfte und Knie
Ob Hüftprothese oder Knieprothese: Das Prinzip des Forgotten Joint gilt für beide Gelenke, in der Praxis zeigen sich jedoch Unterschiede. Bei der Hüftprothese berichten viele Patientinnen und Patienten bereits nach kurzer Zeit von einem sehr natürlichen Gelenkgefühl. Die Werte liegen hier häufig im oberen Bereich der Skala. Beim Knie verläuft die Gewöhnung in der Regel etwas langsamer, da das Kniegelenk anatomisch komplexer ist und während der Heilungsphase stärker durchblutet und von umliegendem Gewebe beansprucht wird.
Das bedeutet nicht, dass eine Knieprothese grundsätzlich schlechter abschneidet, sondern vielmehr braucht das Knie im Vergleich zur Hüfte häufig mehr Zeit und gezielte Physiotherapie, bis es sich im Alltag „unsichtbar" macht.
Diese Unterschiede sind in der Fachliteratur gut dokumentiert und sollten bei der individuellen Erwartungshaltung berücksichtigt werden. Ein Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt hilft, den eigenen Heilungsverlauf richtig einzuordnen.
Hier noch einmal die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale im Überblick:
| Kriterium | Hüftprothese | Knieprothese |
| Erreichen des Forgotten Joint | Sehr hohe Chance; Hüftgelenke werden oft nach wenigen Monaten komplett vergessen. | Benötigt meist mehr Zeit; das Knie ist komplexer geführt. |
| Gelenkmechanik | Kugelgelenk mit tiefer muskulärer Abdeckung. | Oberflächennahes Scharnier-/Gleitgelenk mit komplexem Kapsel-Band-Apparat. |
| Typisches Empfinden | Rasche Gewöhnung ohne verbleibendes Fremdkörpergefühl. | Phasenweise Spannungsgefühl oder Müdigkeit nach hoher Belastung. |
Fremdkörpergefühl nach der Prothesen-OP: Schraubstockgefühl, Spannungsgefühl, Taubheitsgefühl
Viele Patientinnen und Patienten beschreiben in den ersten Wochen und Monaten nach der Operation ein Fremdkörpergefühl. Dieses äußert sich oft als Schraubstockgefühl, Spannungsgefühl oder Taubheitsgefühl rund um das operierte Gelenk. Das ist zunächst kein Grund zur Sorge: Durch den operativen Zugang werden Haut und feine Hautnerven durchtrennt beziehungsweise Muskeln verlagert, was zu einem veränderten Empfinden führen kann, während das Gewebe verheilt.
Schraubstockgefühl: Ein Druck- oder Engegefühl rund um das Gelenk, das meist durch Schwellungen und den natürlichen Heilungsprozess im Gewebe entsteht. Mit zunehmender Mobilisation und Bewegung bildet es sich in der Regel schrittweise zurück.
Spannungsgefühl: Das Gefühl von Festigkeit, vor allem beim Beugen des Knies oder nach längeren Gehstrecken. Es entsteht häufig durch Schwellungen im Operationsgebiet und lässt im Zuge des normalen Heilungsverlaufs stetig nach.
Taubheitsgefühl: Entsteht durch die Heilung kleiner Hautnerven im Bereich des Operationsschnitts und lässt im Laufe der Zeit meist deutlich nach. Es kann sich über Monate zurückbilden. Manchmal bleibt ein geringes Taubheitsgefühl dauerhaft bestehen, was die Funktion des Gelenks jedoch in keiner Weise beeinträchtigt.
Sind Operationsmethoden für das Ergebnis ausschlaggebend?
Ob sich ein künstliches Gelenk später zu einem echten Forgotten Joint entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab, wobei die OP-Technik einer der wichtigsten ist. Eine präzise, individuell geplante Implantatpositionierung, gewebeschonende Operationszugänge und eine sorgfältig ausbalancierte Weichteilspannung wirken sich erfahrungsgemäß günstig auf das spätere Gelenkgefühl aus. Auch die Wahl und passgenaue Ausrichtung der Prothesenkomponenten spielt eine Rolle für die muskuläre Führung des Gelenks.
Daneben beeinflussen individuelle Faktoren wie Muskelkraft, Knochenqualität, Begleiterkrankungen und die Mitarbeit in der Physiotherapie den weiteren Verlauf spürbar mit. Eine erfahrene operative Versorgung kann günstige Voraussetzungen schaffen, ersetzt aber nicht die konsequente Nachbehandlung. In meiner Praxis für Endoprothetik in Wien fließen diese Erfahrungswerte aus mehreren tausend Hüft- und Knieoperationen in die individuelle OP-Planung und Nachsorge ein.
Ergebnisbeurteilung aus Patientensicht: Erfolgsquote und wissenschaftlicher Fragebogen
Studien zur Validität des Forgotten Joint Score zeigen für die Knieprothese eine gute Zuverlässigkeit der Messung.
Bei der Hüftprothese wird der Score in der Fachliteratur teils kontrovers diskutiert: Einige Patientinnen und Patienten erzielen schon kurz nach dem Eingriff die Höchstpunktzahl. In solchen Fällen stößt der Fragebogen an seine Grenzen. Fachleute sprechen hier von einem sogenannten Deckeneffekt, weil weitere Fortschritte messtechnisch kaum mehr erfasst werden können. Andere Untersuchungen attestieren dem Score bei der Hüfte dennoch eine gute Aussagekraft, teils sogar im Vergleich zu etablierten Bewertungsinstrumenten wie dem Oxford Hip Score.
[QUELLE: Thienpont et al., Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2016;24:3346–3351 (Link auf „Deckeneffekt" oben) · Hamilton et al., Bone Joint J. 2017;99-B(2):218–224 (Link auf „Oxford Hip Score" oben) – bitte durch Praxis auf aktuelle Studienlage prüfen]
Für die tägliche Praxis bedeutet das: Der Forgotten Joint Score ergänzt klassische Funktions- und Schmerzfragebögen um die Alltagsperspektive der Patientinnen und Patienten selbst. Gemeinsam zeichnen diese Messinstrumente ein wesentlich umfassenderes Bild vom echten Behandlungserfolg als eine bloße Messung der Beweglichkeit und stellen Ihre persönliche Lebensqualität ganz gezielt ins Zentrum der Nachsorge.
Individuelle Beratung in Wien
Der Forgotten Joint Score ist für mich als behandelnden Arzt ein wertvolles Instrument, um Ihren Behandlungserfolg nach dem Einsatz einer Hüft- oder Knieprothese aus Ihrer persönlichen Sichtweise einzuschätzen.
Wenn Sie Unsicherheiten bezüglich eines Fremdkörpergefühls, Schraubstockgefühls oder anhaltender Prothese Schmerzen bei der Belastung und Bewegung nach Ihrer Operation haben oder erst am Anfang Ihrer Entscheidung stehen, bespreche ich Ihre Situation sehr gerne vertrauensvoll mit Ihnen.
In meiner Praxis in der Lazarettgasse 25 in 1090 Wien berate ich Sie umfassend zu allen Themen der Hüft-Endoprothetik und Knie-Endoprothetik. Vereinbaren Sie gerne einen Termin für ein persönliches Erstgespräch.
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